Heute möchte ich einmal über die Gedanken zu meinen Beobachtungen auf dem Gummistiefelmarkt schreiben. Vor ca. 5 oder 6 Jahren wurde ich einmal durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu meiner Markteinschätzung befragt und fühlte mich damals in meinen Aussagen noch ziemlich sattelfest. Doch seitdem hat sich der Markt ziemlich gewandelt. Vielleicht muß man sogar noch etwas weiter zurückgehen um die Veränderungen zu veranschaulichen.

Wenn ich an die Mitte der „nuller“ Jahre denke war der Gummistiefelmarkt noch ganz einfach aufgeteilt. Es gab Kindergummistiefel aus fernöstlicher Fertigung in sämtlichen Handelskanälen in vielen bunten Farben aus verschiedensten Materialien. Schon zu der Zeit hatten die Discounter einen erheblichen Marktanteil und Kindergummistiefel von europäischen Traditionsmarken wie Romika oder Aigle. Im Bereich der Gummistiefel für Herren und Damen spielten zu der Zeit modische Erwägungen noch keine Rolle. Es gab den Markt der Stiefel aus dem Arbeitsumfeld wie Landwirtschaft, Bau und Industrie. Oft aus Materialien wie PVC und PUR, und es gab die bequemeren Kautschukstiefel die sich in Deutschland eher im Freizeitbereich wie z.B. der Jagd und dem Angelsport etabliert hatten. Fertigungsbedingt waren die im Spritzgussverfahren hergestellten PVC-Stiefel sehr erschwinglich, die mit hohem Handarbeitsanteil gefertigten Stiefel aus Naturkautschukmischungen etwas teurer.

Gummistiefel hatten vielerorts noch den Stellenwert von wasserdichter, aber billiger und unbequemer Fußbekleidung in der kalte Füße garantiert sind. Außerdem beamten sie den Träger automatisch nach Büttenwarder.

Im Arbeitssegment hatte sich besonders der Hersteller Dunlop an die Spitze der Anbieter gesetzt.  Neben dem gab es aber auch Hersteller wie Nora und diverse „Noname“Baumarkt-Angebote. An dieser Stelle erinnere ich mich auch daran, dass der Porenbetonhersteller Ytong auch einmal einen Stiefel in sein Angebot brachte.

Bei den Gummistiefeln für die Freizeit waren zu der Zeit eigentlich nur drei Hersteller die auf dem Markt dominant erschienen. Zum einen der französische Traditionshersteller Aigle, der auch schon mal eine Fertigung in Deutschland betrieb, dann der ebenfalls aus Frankreich stammende Hersteller Lechameau und die schwedische Gummistiefel Marke Tretorn. Der heute hippe ursprünglich britische Hersteller Hunter spielte um 2005 herum in Deutschland noch keine gewichtige Rolle. Nora, Novesta, Kamik und die Frankonia-Marke Parforce spielten eine weitere sichtbare Rolle, der Gesamtmarktanteil war aber sicher als gering einzustufen. Über die Distribution in Dänemark kam zu der Zeit gerade auch die nordamerikanische Marke Lacrosse auf den deutschen Markt und überraschte mit seinem Tragekomfort. Apropos Tragekomfort, besonders dieser in seiner Modelserie Parcours verschaffte Aigle nicht nur seine Marktführerschaft sondern erschloss zu der Zeit neue Zielgruppen für den Gummistiefel. Auf einmal wurde der dunkelgrüne Parcours besonders auch bei Hundehaltern und Hundesportlern populär. Schließlich punktete der Stiefel mit seinem lauffreundlichen Sohlenaufbau und dem Fußklima dank warmer Neoprenfütterung in der Iso-Ausführung. Der AIGLE Parcours war es dann auch, der den Gummistiefel regelrecht stadttauglich machte. In den Parks auf den Hundewiesen und in den Hundeschulen sah man nun immer öfter diesen Stiefelstyle. Bei einer Investitionssumme von über hundert Euro je Stiefelpaar brauchte man sich dafür auch nicht zu schämen, bzw. konnte diese mit einem gewissen Stolz tragen. Mit diesem Erfolg kam dann auch die Sichtbarkeit in der Modewelt. Und neben Aigle war es dann vor allem Hunter, die mit gekonnter PR, ihre Stiefel in den Fokus der kauffreudigen Stadtkundschaft brachten.

Mit der Modetauglichkeit wurden die Gummistiefel um die 2010er Jahre dann auch ein echtes Hype-Thema, sowohl in den Einkaufsstraßen der Stadt als auch auf den sichtbaren Online-Portalen wie Zalando, die zu dem Zeitpunkt noch im Wesentlichen sich um Schuhe kümmerten. Nun wurde das Angebot von „trittbrettfahrenden“ Handelsmarken und durch die Sortimentsausweitung von Schuh- und Modemarken stark ausgeweitet. Auch Jack Wolfskin führte auf einmal Gummistiefel im Sortiment. Unzählige Gummistiefel-Modelle kamen in die Regale der Läden. In dieser Zeit habe ich auch langsam den Überblick verloren. Die Erfolge der einzelnen Angebote waren allerdings nicht sonderlich nachhaltig. Viele Gummistiefelmodelle der Jahre 2010-2015 sind inzwischen wieder verschwunden. Und es kamen auch alt eingesessene Marken dabei teilweise gehörig unter die Räder. Nicht nur auf Grund der Marktveränderung sondern auch im Einzelnen durch Einflüsse aus den Gesellschafterkreisen der Marken. So wechselte sowohl LeChameau als auch Tretorn den Besitzer und es kam zu Veränderungen in den jeweiligen Vertriebsorganisationen. Aber auch Hunter bekam 2012 einen neuen Hauptaktionär. Hingegen, die dänische Modemarke Ilse Jacobsen war mit ihren vorn geschnürten Gummistiefeln stilprägend und wurde vermutlich von unzähligen Dänemark Urlaubern mitgebracht und hat sich bis heute behauptet

Die Firma Lacrosse zog sich ca. 2012 gänzlich aus Europa zurück, was viele Fan´s traurig stimmte. Das Unternehmen wurde dann an eine japanische Schuhgeschäftskette verkauft und hat ihren Fokus auf Japan gerichtet. Auf der anderen Seite traten auch neue Firmen außerhalb der Mode in den Markt ein. So tauchten ab ca. 2009 die nordamerikanische Stiefelmarke Muckboot in Deutschland auf, konzeptionell ähnlich aufgestellt drei Jahre später die Marke Grub´s aus Britannien. Aus Nordeuropa machten sich die Gummistiefel von Viking mit einer eigenen Deutschland GmbH auf den Weg nach Deutschland. Viking war schon länger in Deutschland als Sportschuhanbieter aktiv. Ebenfalls aus dem Norden, aus Dänemark kamen vom Jagdausrüster Seeland die Seeland Gummistiefel und Härkila Gummistiefel dazu. Aus Finnland gesellte sich die Firma Nokian mit seinem sehr nordischen Sortiment hinzu. Ein weiterer Anwendermarkt zog in den jüngeren Jahren neue spezifische Angebote auf sich.  Für den Hundesport wurden in den letzten Jahren Marken hervorgebracht die sich an die Anwendungsbedingungen von Hundesport und Gassirunde ausrichteten. Allerdings hat sich für mich noch keine Marke wirklich fest etabliert.

Heute hat sich das modische „Noname Sortiment“ wieder merklich ausgedünnt, Marken wie KAMIK und AIGLE haben hingegen ihr Sortiment weiter ausgebaut. Tretorn ist in Deutschland stationär wenig zu sehen. Die Marktreichweite von Lechameau wurde ebenfalls stark reduziert. Allerdings hat Lechameau zum einen die Preise in den vergangen fünf Jahren deutlich angehoben und sein Händlernetz bewusst exklusiver gestaltet.

Auch Fachhändler setzen immer mehr auf Eigenmarken. Der französische Sport-Gigant Decathlon führt Solognac, der deutsche Forstausrüster Grube die Marke Nordforest und Frankonias Parforce hatte ich schon erwähnt.

Fazit: Der Markt für Gummistiefel ist insgesamt in den vergangenen 20 Jahren gewachsen. Zwischenzeitlich war er sogar richtig heiß gelaufen. Die Attribute Comfort und Markenvertrauen sind heute die Kaufargumente. Produktinnovationen kommen aus dem europäischen Norden. Marken die vor 20 Jahren sehr stark waren sind heute teilweise verschwunden. Die Käufer profitieren heute von einer großen Verfügbarkeit in Onlineshops. Spezialisten führen umfangreiche Sortiment die vielen Anforderungen gerecht werden. Die Hersteller haben mit Marktverwerfungen durch die Dominanz des Amazon-Stores zu kämpfen.  Der Markt ist also derzeit deutlich in Bewegung und hat sich verändert.

 

Ich habe versucht hier objektiv zu schreiben, sollte Euch etwas quer liegen, lasst es mich gern wissen. Hat Euch mein kleiner Aufsatz gefallen freue ich mich auch über einen Hinweis.

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AIGLE liefert seine Gummistiefel in diesem Jahr in einer neuen Verpackung aus. In einem solchen Karton werden sie nun geliefert.

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Wie ich finde hat sich das Update gelohnt. Das Bild zuvor war dieses:

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Und davor gab diese Verpackung ein kurzes Gastspiel.

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Den letzten hier aufgeführten finde ich eigentlich auch ganz gut.